Literaturkreis 21.4.2021

Lebhafte Diskussionen über Wells und Colombani

Zum vierten Mal traf sich der Ende letzten Jahres gegründete Literaturkreis Holzgerlingen. Der Stadtseniorenrat machte es wiederum realisierbar über Zoom. Neuerung: diesmal wurde technisch sogar ermöglicht, dass die doch große Gruppe von 12 Teilnehmern sich für eine intensivere Diskussion der Bücher in zwei Gruppen traf. Das kam den vielfältigen Meinungsäußerungen sehr zugute!

Vorgestellt wurde von einer Vielleserin aus dem Literaturkreis zunächst das Buch von Laetitia Colombani, einer 1976 in Bordeaux geborenen Französin, das 2020 erstmalig auf Deutsch erschienen war: „Das Haus der Frauen“ (Original „Les Victorieuses“). Es beschreibt zum einen eine Erfolgsgeschichte der Heilsarmee in Frankreich. Die in dem Buch porträtierte bewundernswert mutige und durchsetzungsstarke Blanche Peyron schaffte es, in den zwanziger Jahren in Paris ein ehemaliges Hotel und Krankenhaus durch Spenden zu kaufen und in einen „Palast der Frauen“ umzuwandeln, in dem alleinstehende und in Not geratene Frauen, Migrantinnen, Obdachlose, vor häuslicher Gewalt Geflohener, aufgenommen werden konnten.

Das Haus der Frauen 
Das Haus der Frauen (ISBN 3103900031)

In einem zweiten Erzählstrang wird diese heute noch bestehende „Fluchtburg“ mit Platz für über 700 Frauen, ihre vielfältige Arbeit und ihre Magie beschrieben. Die Ich-Erzählerin ist nach einem beruflichen Zusammenbruch und „Burnout“ im Rahmen ihrer persönlichen Therapie als „Ehrenamtliche“ in dieses Haus der Frauen geraten. 

Das Haus der Frauen

Das Haus der Frauen im heutigen Paris (Fotonachweis: Wikipedia CC BY-SA3.0)

Es ist Colombanis zweites Buch (das erste „Der Zopf“ wird bereits verfilmt). Der Literaturkreis diskutierte es in beiden Gruppen kontrovers und heftig und öffnete den Lesebegeisterten zahlreiche Aspekte des Zugangs wie auch der kritischen Betrachtung.

 

Das zweite Buch des Abends war der Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ des deutsch-schweizer Autors Benedict Wells (*1984 in München). Wells erhielt für den Roman 2016 den Literaturpreis der Europäischen Union für junge Nachwuchsschriftsteller. Ein Literaturkreis-Ehepaar stellte das Werk mit viel Empathie und persönlichem Engagement vor und zitierte am Schluss eine Botschaft: „Das Gegengift zu Einsamkeit ist Geborgenheit“. Das Werk sei ein guter Anlass gewesen, sich mit den angesprochenen Themen wie Sterben, Tod und Trauerbewältigung intensiver auseinander zu setzen. 

Wells schildert das Schicksal von drei Kindern, die in jungen Jahren durch einen Verkehrsunfall beide Eltern verloren hatten und sich nun über Internatszeiten, Ausbildungs-, Studiums- und Berufsjahre wie auch über viele Partnerschaftskrisen immer wieder selbst infrage stellen und neu finden, „im Schmerz lernen“ mussten.

Vom Ende der Einsamkeit

Vom Ende der Einsamkeit (ISBN 3257069588)

Die Diskussion in beiden Gruppen war recht unterschiedlich. Die sehr flüssige Schreibweise wurde generell gelobt, der Spannungsbogen anerkannt. Viele sahen aber auch einen erheblichen „Bruch“, der wohl mit der Kürzung von ursprünglich 800 Seiten auf die Hälfte zu tun hatte. Interessant war, dass in einer Gruppe in dem Werk eine „Schreibtherapie“ des Autors gesehen wurde, mit der er sich möglicherweise aus einer drohenden Depression herausarbeitete. Im Hinblick auf das eigene Lebensschicksal des Autors und seine extrem schwierige Familiengeschichte erscheint das nicht unwahrscheinlich. Wells schrieb sieben Jahre an diesem Bestseller. Es ist sein fünftes Buch.

 

Das nächste Treffen des Literaturkreises ist für Juni geplant.

Ein einfaches Leben

Ein einfaches Leben (ASIN B07HD5XTQ7)

Dann wird das umfangreiche Opus der koreanisch-amerikanischen Autorin Min Jin Lee „Ein einfaches Leben“ (englisch „Pachinko“) im Mittelpunkt stehen, 2017 von der New York Times zu einem der zehn besten Bücher des Jahres gekürt. Es erschien 2018 in Deutsch, ein Roman über das Schicksal einer Koreanerin, die in jungen Jahren nach Japan auswandert, dort aber mit ihrer Familie ihr Leben lang ein Mensch zweiter Klasse bleibt. Ihre Söhne fordern jedoch das Schicksal heraus. Es ist ein abwechslungsreiches Familienepos und zugleich eine spannende Analyse des seit mehr als einhundert Jahren schwierigen Verhältnisses zwischen Japan und Korea. Die Autorin Min Jin Lee hat selbst vier Jahre in Tokyo gelebt, wohnt jetzt in Harlem und ist mit einem „halben Japaner“ verheiratet.

 

Kontakt: Literaturkreis@stadtseniorenrat-holzgerlingen.de

nächste Veranstaltung: 9.6.2021