Literaturkreis 9.6.2021

Von der Geschichte im Stich gelassen?

Auch das fünfte Treffen des Literaturkreises Holzgerlingen musste am 9. Juni 2021 über Zoom stattfinden, wiederum mit Hilfe des Stadtseniorenrates.

Diesmal stand der preisgekrönte Roman der koreanischen-amerikanischen Autorin Min Jin Lee „Ein einfaches Leben“ (englisch: „Pachinko“) im Mittelpunkt – 2017 von der New York Times zu einem der zehn besten Bücher des Jahres gewählt. Barack Obama nannte es „eine überwältigende Geschichte über Widerstandsfähigkeit und Mitgefühl“.

Ein einfaches Leben

Ein einfaches Leben (ASIN B07HD5XTQ7)

Das Buch schildert über vier Generationen einer Familie hinweg die Arroganz Japans gegenüber Koreanern und die Unterdrückung über 40 Besatzungsjahre. Eine junge Koreanerin wandert 1911 nach Japan aus, ein Jahr, nachdem das neue Gastland ihre Heimat völkerrechtswidrig annektiert hat, bekommt dort zwei Söhne und durchlebt viele Jahrzehnte der Misshandlung und Diskriminierung. Ihre Söhne wollen dieses „einfache Leben“ aber nicht hinnehmen – der eine sucht und findet eine Berufskarriere in der Semi-Unterwelt der japanischen Spielhöllen (Pachinkos), der andere macht zunächst seinen Weg über gute Universitäten, japanisiert seinen Namen und trennt sich von der Familienvergangenheit. Sie holt ihn aber am Schluss doch tragisch ein: er nimmt sich das Leben.

„Die Geschichte hat uns im Stich gelassen, aber was macht das schon?“ So lautet der erste Satz des 2020 in deutscher Übersetzung erschienenen Werkes. Korea wurde in der Tat über Jahrzehnte (1910-1945) von Japan ausgebeutet bis hin zu zwei Millionen Zwangsarbeitern in der Kriegszeit und zigtausenden von jungen Frauen und Mädchen, die in Bordelle der japanischen Fronten verschleppt wurden und dort als „Trostfrauen“ dienen mussten. Nach 1950 forderte ein grausamer, von China und einer UNO-Koalition unter Führung der USA mitgekämpfter Krieg im zweigeteilten Korea fast eine Million Soldatenleben und drei Millionen zivile Opfer. Min Jin Lees „opulentes Familienepos“ über Liebe, Loyalität und die Suche nach der eigenen Identität bezieht alle diese Epochen in die spannende, meisterhafte und extrem gut lesbare Erzählung ein, lässt den Leser aber doch auch mit vielen unbeantworteten Fragen über die Lebensstrukturen von Migranten in Japan und verbrecherische Unterweltverhältnisse zurück. Der Literaturkreis diskutierte lebhaft und mit vielfältig unterschiedlichen Sichtweisen auf das Buch und resümierte dieses Treffen mit großer Zufriedenheit.

 

Beim nächsten Treffen des Literaturkreises kurz vor den Sommerferien sollen zwei Titel diskutiert werden: 

 

Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten

Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten (ISBN-10: 3423282789)

Das in diesem Jahr erschienene Buch „Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten“ von Helga Schubert über ihr Leben in der DDR mit all den täglichen Absurditäten, ihre Auseinandersetzung mit ihrer Mutter, ihre Überwachung durch die Stasi und später über die „schönen und schwierigen Freiheiten“ nach der Vereinigung Deutschlands. Schubert erhielt letztes Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis.

 

Ein Leben mehr

Ein Leben mehr (ISBN-10: 3458176527)

Das mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete vierte Buch der französischsprachigen Kanadierin Jocelyne Saucier „Ein Leben mehr“ (Original: „Il pleuvait des oiseaux“), die Geschichte von drei alten Männern, die die Freiheit lieben und sich in die nordkanadischen Wälder zurückgezogen haben, um dort als Einsiedler zu leben, in deren Einsamkeit dann aber zwei Frauen eindringen. Die deutsche Kritik lobt einen „freundlichen und klugen Roman“ über Ideale von Freiheit (Süddeutsche Zeitung), einen leisen Roman, „einfühlsam und zärtlich“ über „Alter und Mitmenschlichkeit, Zusammenhalt und Liebe“ (Website „Literaturen“). 

 

Kontakt: Literaturkreis@stadtseniorenrat-holzgerlingen.de

nächste Veranstaltung: 21.7.2021