Literaturkreis Berichte 2026

 

 

Treffen Titel Autor
Januar 2026 Im Menschen muss alles herrlich sein Sasha Marianna Salzmann
März 2026 Das Buch von Blanche und Marie Per Olav Elmquist
Mai 2026 Amrum Hark Bohm und Philipp Winkler
Juni 2026 James Percival Everett
Juli 2026 Heimsuchung Jenny Erpenbeck


Im Menschen muss alles herrlich sein

Autorin: Sasha Marianna Salzmann

Suhrkamp Taschenbuch 2022, 383 Seiten, 13 Euro

Salzmann wurde 1985 in Wolgograd geboren, wuchs in Moskau auf und emigrierte mit ihrer Familie 1995 nach Deutschland.

Die Literatur selbst kam beim Jubiläumstreffen nicht zu kurz: Diskutiert wurde das Buch von Sasha Marianna Salzmann von 2021 „Im Menschen muss alles herrlich sein“. Ihr zweiter, inzwischen mehrfach preisgekrönter Roman hat offenbar autobiografische Züge. Zwei ukrainische Mütter, Tatjana und Lena, entschließen sich nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem folgenden postsowjetischen Chaos im Lande Mitte der 90er Jahre die Ukraine (und damit die Sowjetunion) zu verlassen und damit der dauernden Korruption in allen Lebenslagen und der gesellschaftlichen Unterwerfung zu entfliehen. Die eine lebt erst in Berlin, eine Stadt, die ihr gar nicht zusagt, und „strandet“ schließlich in Jena. Die andere landet dann auch dort. Für beide ist es ein Neuanfang nach allerlei Wirren einer zersplitterten Biografie. Das neue Gastland entspricht in vielem aber nicht ihren Erwartungen, so dass sogar die Rechtspropaganda in Deutschland bei Emigranten auf fruchtbaren Boden fällt.

Ihren beiden Töchtern Edi und Nina, in Deutschland aufgewachsen, steckt die familiäre sowjetische Vergangenheit noch in der Seele. Sie haben sich völlig von ihren Müttern entfernt, es herrscht Stille und Sprachlosigkeit zwischen Müttern und Töchtern, die aus ganz unterschiedlichen Welten stammen, alle vier sind – jede auf andere Weise – völlig entwurzelt. Die Töchter können mit den Lebenserfahrungen ihrer Mütter in sowjetischer Unterdrückung gar nichts anfangen. Zu ihrem 50. Geburtstag bringt Lena die vier zu einer Feier zusammen. Dabei müssen die Frauen schließlich erkennen, dass sie doch alle eine Geschichte eint.

Literaturkreis Holzgerlingen im Januar 2026 (Stadtbücherei)

Die Diskussion im Literaturkreis lobte einhellig „die schöne, lebendige, starke und intensive Sprache“ des Buches. Die Leserinnen und Leser fühlten sich emotional sehr angesprochen, einige zogen Parallelen zum Umgang ehemaliger DDR-Bürger mit ihrer Vergangenheit. Die unter Emigranten aus der Sowjetunion heute noch bestehenden Netzwerke seien auch hier typisch anzutreffen. Der Literaturkreis fand es bemerkenswert, wie häufig – auch in verschiedenen Lektüren der letzten fünf Jahre – heftige Mütter-Töchter-Konflikte eine Rolle gespielt hätten und weiter spielten.

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Das Buch von Blanche und Marie

Autor: Per Olav Elmquist

dtv Taschenbuch 2022, 12 Euro

Die Titelfigur Marie Curie ist die bisher einzige Frau, die zwei Nobelpreise erhalten hat, 1903 für Physik und 1911 für Chemie. Sie hat die Strahlung von Uranverbindungen untersucht und das Wort „radioaktiv“ dafür erfunden.
Die fiktive Handlung spielt um die damalige Jahrhundertwende und beleuchtet zunächst die aus heutiger Sicht unhaltbaren und absolut frauenfeindlichen Zustände im damaligen Krankenhaus Salpêtrière in Paris, in dem 4.000 Frauen mit der Diagnose „Hysterie“ und Geisteskrankheit untergebracht waren mit einer medizinischen Behandlung, die aus heutiger Sicht nur als Barbarei bezeichnet werden kann. In diesem Krankenhaus war auch die zweite Hauptfigur des Buches Blanche untergebracht, die (fiktiv) später als Assistentin für Curie arbeitete. Sie war in ihren Arzt Professor Charcot verliebt.

Ein zweites Thema des Buches waren die gesundheitlichen Auswirkungen des Umgangs mit Radioaktivität, die damals erst entdeckt wurden und zu brutalen Leiden bis hin zu Amputationen führten, auch bei Blanche. Curies Affäre mit einem verheirateten Kollegen, Paul Langevin, war damals ein Riesenskandal und hätte sie fast den zweiten Nobelpreis gekostet.

Literaturkreis Holzgerlingen im März 2026 (Stadtbücherei)

Große Fragezeichen standen in den Gesichtern vieler Literaturkreis-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer, als sie zum März-Termin in die Stadtbibliothek kamen: Was war das für ein Buch, das sie lesen mussten? Es sollte um den schwedischen Autor Per Olav Elmquist und sein Werk aus dem Jahr 2004 gehen, in Deutsch schon ein Jahr später erschienen. Erst als dem Literaturkreis ein Mitglied mit medizinischem Hintergrund das Buch in all seinen Facetten erläutert hatte, fanden die meisten doch den Zugang zum Roman. In der Diskussion ergaben sich daraus die Fragen: Welche menschlichen und persönlichen Verluste muss man hinnehmen, um Erfolg zu haben? Wie weit darf man gehen, um seine Ideen umzusetzen? Was ist der Preis des Fortschritts – auch der Verlust der körperlichen Unversehrtheit? Welche Rolle spielt dabei die Liebe? Dies überzeugend aus dem Buch interpretiert zu haben, war das Verdienst des Vortragenden. Und so ergab sich trotz der anfänglichen Fragezeichen dann doch eine lange und engagierte Diskussion, und manche gingen später mit der Absicht nach Hause, das Buch doch noch einmal mit ganz neuen Augen zu lesen.

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Amrum

Autoren: Hark Bohm und Philipp Winkler

Taschenbuch, 7. Auflage, Ullstein Verlag 2025, 316 Seiten, 14,99 Euro

Das (inzwischen auch verfilmte) Buch „Amrum“ von Hark Bohm spielt auf der Nordseeinsel, auf der der in Hamburg geborene Bohm einen Teil seines Lebens verbracht hat. Amrum hatte 1939 etwa 1400 Einwohner. Lebensmittelmangel und Hunger im Krieg, aber auch die Verfilzung einzelner Familien mit der NSDAP, die Risse, die durch einige Familien gingen, Verrat, NS-Verfolgung selbst noch wenige Wochen vor Hitlers Selbstmord, das Ende des Krieges, die Besetzung selbst dieser kleinen Insel durch britische Soldaten – all das wird in dem Buch lebhaft und gut lesbar geschildert aus der Erlebnissicht eines zehnjährigen Jungen und seines Freundes. Beide verstehen vieles aus dem Nazi-Jargon überhaupt nicht („Mama, was ist ein Jude?“), müssen sich aber intensiv am Überlebenskampf ihrer Familien beteiligen – Nahrung „erjagen“, also zum Teil die als Soldaten an den Fronten stehenden Väter „ersetzen“.

Literaturkreis Holzgerlingen im Mai 2026 (Stadtbücherei)

Was haben unsere Eltern und Großeltern in der Nazizeit gemacht? Diese durch das jüngst geöffnete US-Nazi-Archiv so aktuelle Frage stand auch im Mittelpunkt der Diskussion des Literaturkreises.

Nach Kriegsende kamen auch Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten nach Amrum. Dies führte zu einer besonders lebhaften Diskussion, weil eine ganze Reihe der Mitglieder selbst aus Familien mit damaligen Fluchterfahrungen kommt. Die Integration dieser 8 Millionen Menschen in Westdeutschland (weitere 4 Millionen blieben auf der Fluchtroute in Ostdeutschland) wird als eine der größten Leistungen der jüngeren deutschen Geschichte bezeichnet, und auch Holzgerlingen mit seinem damaligen rührigen Bürgermeister Rommel hatte daran einen bemerkenswerten Anteil.

So zeigte sich wieder einmal, wie unterschiedlich man ein Buch lesen kann. Dies empfindet der Kreis immer wieder als eine große Bereicherung für die Diskussion.

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James

Autor: Percival Everett

Taschenbuch 4. Auflage, Blessing Verlag 2025, 333 Seiten, 14 Euro

Mark Twains „Huckleberry Finn“ noch einmal neu erzählen, kann das gut gehen? Und dann aus der Sicht des Sklaven James? Es kann. Percival Everett, Professor an der University of Southern California, hat es gewagt, damit einen Bestseller gelandet und als höchste Ehrung den Pulitzer-Preis 2025 erhalten.

Das Portrait des Sklaven Jim wird von Everett weit über die Informationen von Mark Twain hinaus geschärft und zum Teil verändert. Jim/James ist der Ich-Erzähler des Buches, kann lesen und schreiben und liest philosophische Bücher über das Thema Freiheit. Er schildert die brutalen Realitäten der Sklaverei in den USA vor dem Bürgerkrieg 1861-1865 mit schonungslosen Worten und kritisiert das widersprüchliche Verhalten der „weißen Rassisten“, die ohne Hemmungen morden, stehlen und betrügen konnten, die Sklaven endlos misshandelten, andererseits aber größten Wert auf ihre „Christlichkeit“ und ihre moralischen Werte legten.

Literaturkreis Holzgerlingen im Juni 2026 (Stadtbücherei)

Die längste Diskussion im Literaturkreis gab es zu der Frage, warum Everett gerade jetzt dieses Buch geschrieben hat. Einige hielten es für einen allegorischen Spiegel von Teilen der heutigen amerikanischen Gesellschaft, andere widersprachen vehement. So waren die Meinungen über das Buch geteilt. Eine Teilnehmerin erinnerte an die große Ablehnung, der Afro-Amerikaner bei Besuchen in den Herkunftsländern ihrer Vorfahren in Afrika begegnet seien. Viele damalige afrikanische Herrscher und Stammeshäuptlinge seien durch den Sklavenhandel, den sie selbst in Gang gebracht hatten, reich geworden. Daran möchte niemand erinnert werden.

Dennoch: insgesamt ein spannendes, flüssig geschriebenes Buch. Beim nächsten Treffen im Juli wird das Werk von Jenny Erpenbeck „Heimsuchung“ im Mittelpunkt stehen.

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Heimsuchung

Autorin: Jenny Erpenbeck

Taschenbuch, 188 Seiten, Penguin Verlag

Jenny Erpenbeck, geboren 1967, ist eine bekannte deutsche Regisseurin und Schriftstellerin. Ihre Bücher sind in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Für ihr Werk erhielt die Künstlerin mehrere Stipendien und zahlreiche Auszeichnungen. Ihre Romane sind stark biografisch geprägt und verarbeiten persönliche wie historische Erfahrungen. Zentrale Motive sind für sie Übergänge und Verwandlungen, die auch ihren Roman «Heimsuchung» (2008) prägen.

Das topografische Zentrum in Erpenbecks Roman «Heimsuchung» ist ein Grundstück am brandenburgischen Scharmützelsee bei Berlin. Über mehr als ein Jahrhundert hinweg wird dieses Grundstück von den Besitzern und Bewohnern des darauf gebauten Hauses genutzt und geprägt – ihre persönlichen Schicksale spiegeln dabei zentrale Abschnitte und politische Umbrüche der deutschen Geschichte wider: von der Weimarer Republik, dem Nationalsozialismus, dem Zweiten Weltkrieg, der DDR-Zeit bis zur Wiedervereinigung und ihren Folgen. Der Titel des Romans ist doppeldeutig: «Heim-Suchung», also die Suche nach einem Heim und «heimgesucht werden», also das Ausgeliefertsein an wechselnde politische Verhältnisse, die das persönliche Schicksal bestimmen.

Zentrale Themen in diesem Buch sind:

  • Heimat: Die Suche nach Heimat, Geborgenheit und Sicherheit verbindet die einzelnen Figuren mit dem Haus am See, welches sie jedoch aus den verschiedensten Gründen wieder aufgeben müssen.
  • Erinnerungsort: Das Haus und der See werden als Erinnerungsorte verdichtet, an denen die Geschichten aller Figuren zusammengeführt werden.
  • Vergänglichkeit: Die wechselnden Bewohner und der Abriss des Hauses verdeutlichen, dass nichts von Dauer ist – weder Besitz noch Macht noch Identität.

Literaturkreis Holzgerlingen im Juli 2026 (Generationenhaus Holzgerlingen)

Zentrale Themen in der Diskussion des Literaturkreises Holzgerlingen bei seinem Treffen im Juli im Generationenhaus Holzgerlingen waren die Enteignung von Eigentum während der Wende, Erfahrungen von Verlust von Eigentum und Heimat, aber auch von Versöhnung (deutsch-polnisches Verhältnis). Hier konnten sich viele mit ihren persönlichen Erfahrungen einbringen, sei es in der Zeit der DDR oder danach. Unterschiedlich erlebt wurde die Zuordnung der Figuren zu den historischen Begebenheiten, die nur in Andeutung geschieht und ein Wissen um geschichtliche Hintergründe voraussetzt. Auch der Erzählstil und die Sprache wurde teils beeindruckend, teils verwirrend erlebt: Der Roman erzählt nicht linear, sondern aus verschiedenen Perspektiven. Erpenbecks Sprache ist mal poetisch und dicht, dann wieder nüchtern und sachlich.

Lesenswert ist das Buch, weil es ein dichtes thematisches Geflecht darstellt, das grundlegende menschliche Erfahrungen und historische Entwicklungen miteinander verwebt.

Uta-Maria Köninger

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