In Pflegewohngemeinschaften das Altern selbst gestalten

16.1.2021: Bericht von Hein Renz (Fotos Dieter Blascheck)

 
Stadtseniorenrat, Diakoniestation und BNU stoßen auf reges Interesse

Dass sich in der Holzgerlinger Begegnungsstätte „Haus am Ziegelhof“ 80 Interessierte versammelt hatten, musste nicht allzu sehr verwundern. Schließlich hatten gleich drei Organisationen zusammen eingeladen – Stadtseniorenrat e.V., Diakonie- und Sozialstation Schönbuchlichtung und Bürger für Natur und Umweltschutz.

Margret Blascheck, Vorsitzende vom Stadtseniorenrat, begrüßte und eröffnete, erfreut über das volle Haus, die Veranstaltung und übergab das Mikrofon dem Stellvertretenden Bürgermeister, Jean-Remy Planche, der das Interesse der bürgerlichen Gemeinde an der Thematik bekundete.

Manfred Koebler, Vorsitzender des Kreisseniorenrats im Landkreis Böblingen, eröffnete den Reigen der Referenten. 90 % der älteren Menschen wollten das Pflegeheim vermeiden. Für sie wäre eine Wohnform zwischen dem Wohnen zuhause und dem Pflegeheim auf der Grundlage des 2014 geschaffenen Gesetzes für unterstützte Wohnformen, Teilhabe und Pflege (WTPG) passend. Dort gestalten 8 – 12 Personen, normalerweise mit Pflegegrad, ihren Alltag gemeinsam. Unter Wahrung von Selbständigkeit und Selbstbestimmung soll es allen Bewohner*innen möglich sein, mitzuentscheiden, sich einzubringen oder auch sich zurückzuziehen. Der Kreisseniorenrat unterstütze das wachsende Interesse an diesen Wohnformen.

Für die Geschäftsführerin der Diakoniestation Schönbuchlichtung, Helga Dieckmann, heißen die Trumpfkarten bei den ambulanten Wohnformen „die Selbstbestimmung der Menschen erhalten, damit sie individuell altern können.“ Die Möglichkeit unter unterschiedlichen Dienstleistungen auswählen zu können, bringe diese Vorteile gegenüber den fixierten Abläufen im traditionellen Altenwohnheim mit sich. Sollte Holzgerlingersich für die Option der „Ambulant betreuten Pflegewohngemeinschaft“ entscheiden, könne die Diakonie- und Sozialstation Pflege, Betreuung und Hauswirtschaft beisteuern, war sich Frau Dieckmann sicher.

Die Stiftung „Innovation&Pflege“ betreibt unter dem Namen „Emilia“ aktuell 5 Wohngemein-schaften, in denen 3 – 8 Personen untergebracht sind, so Rolf Schneider, 2. Vorstand der Stiftung „Innovation und Pflege“ in Sindelfingen. Diese Wohnform ist ideal für Menschen, die eine Alternative zum Pflegeheim suchen. Umfangreicher Personaleinsatz, hohe Kontinuität, großzügige Zimmer, eigenes Bad, komfortabler gemeinsamer Küchen-, Ess- und Wohnbereich sind die Qualitätsmerkmale dieser Wohngemeinschaft. Deren Bewohner*innen entscheiden über ihre Zusammensetzung, das Haushaltsgeld, die Wahl der Pflegedienste. Die Stiftung kann diese Wohnform meist preiswerter als eine stationäre Versorgung anbieten. Derzeit entstehen weitere „Emilias“ im Einzugsbereich des Landkreises Böblingen.

Michael Lucke, der Vorstand der Dorfgemeinschaft in Rottenburg-Kiebingen, stellte das vom Verein ins Leben gerufene Wohnprojekt vor. Es handelt sich um eine vollständig selbstverantwortete Wohngemeinschaft, in der 10 pflegebedürftige Menschen selbstbestimmt leben. Die Bewohner*innen und deren Angehörige bestimmen darüber, wer sie pflegt und wer die 24-stündige Betreuung übernimmt. Außerdem bestimmen sie, wer jeweils neu aufgenommen wird. Auch der Tageablauf wird durch die Bewohner*innen bestimmt, z. B., was gekocht wird und welche Aktivitäten gemeinsam geplant und durchgeführt werden.

Der Initiator der Veranstaltung, Dr. Markus Rupprecht, BNU, übernahm die Aufgabe, sich bei den Referenten, die alle auf ein Honorar verzichtet hatten, mit einem Geschenk der Stadt zu bedanken. Nun liegt es an Gemeinderat und Verwaltung, eine gute Entscheidung für künftig Pflegebedürftige aus Holzgerlingen und der Schönbuchlichtung zu finden und zu verwirklichen.