Literaturkreis Berichte 2026

 

 

Treffen Titel Autor
14.01.2026 Im Menschen muss alles herrlich sein Sasha Marianna Salzmann
März 2026 Das Buch von Blanche und Marie Per Olav Elmquist


Im Menschen muss alles herrlich sein

Autorin: Sasha Marianna Salzmann

Suhrkamp Taschenbuch 2022, 383 Seiten, 13 Euro

Salzmann wurde 1985 in Wolgograd geboren, wuchs in Moskau auf und emigrierte mit ihrer Familie 1995 nach Deutschland.

Die Literatur selbst kam beim Jubiläumstreffen nicht zu kurz: Diskutiert wurde das Buch von Sasha Marianna Salzmann von 2021 „Im Menschen muss alles herrlich sein“. Ihr zweiter, inzwischen mehrfach preisgekrönter Roman hat offenbar autobiografische Züge. Zwei ukrainische Mütter, Tatjana und Lena, entschließen sich nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem folgenden postsowjetischen Chaos im Lande Mitte der 90er Jahre die Ukraine (und damit die Sowjetunion) zu verlassen und damit der dauernden Korruption in allen Lebenslagen und der gesellschaftlichen Unterwerfung zu entfliehen. Die eine lebt erst in Berlin, eine Stadt, die ihr gar nicht zusagt, und „strandet“ schließlich in Jena. Die andere landet dann auch dort. Für beide ist es ein Neuanfang nach allerlei Wirren einer zersplitterten Biografie. Das neue Gastland entspricht in vielem aber nicht ihren Erwartungen, so dass sogar die Rechtspropaganda in Deutschland bei Emigranten auf fruchtbaren Boden fällt.

Ihren beiden Töchtern Edi und Nina, in Deutschland aufgewachsen, steckt die familiäre sowjetische Vergangenheit noch in der Seele. Sie haben sich völlig von ihren Müttern entfernt, es herrscht Stille und Sprachlosigkeit zwischen Müttern und Töchtern, die aus ganz unterschiedlichen Welten stammen, alle vier sind – jede auf andere Weise – völlig entwurzelt. Die Töchter können mit den Lebenserfahrungen ihrer Mütter in sowjetischer Unterdrückung gar nichts anfangen. Zu ihrem 50. Geburtstag bringt Lena die vier zu einer Feier zusammen. Dabei müssen die Frauen schließlich erkennen, dass sie doch alle eine Geschichte eint.

Literaturkreis Holzgerlingen 14. Januar 2026 (Stadtbücherei)

Die Diskussion im Literaturkreis lobte einhellig „die schöne, lebendige, starke und intensive Sprache“ des Buches. Die Leserinnen und Leser fühlten sich emotional sehr angesprochen, einige zogen Parallelen zum Umgang ehemaliger DDR-Bürger mit ihrer Vergangenheit. Die unter Emigranten aus der Sowjetunion heute noch bestehenden Netzwerke seien auch hier typisch anzutreffen. Der Literaturkreis fand es bemerkenswert, wie häufig – auch in verschiedenen Lektüren der letzten fünf Jahre – heftige Mütter-Töchter-Konflikte eine Rolle gespielt hätten und weiter spielten.

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Das Buch von Blanche und Marie

Autor: Per Olav Elmquist

dtv Taschenbuch 2022, 12 Euro

Die Titelfigur Marie Curie ist die bisher einzige Frau, die zwei Nobelpreise erhalten hat, 1903 für Physik und 1911 für Chemie. Sie hat die Strahlung von Uranverbindungen untersucht und das Wort „radioaktiv“ dafür erfunden.
Die fiktive Handlung spielt um die damalige Jahrhundertwende und beleuchtet zunächst die aus heutiger Sicht unhaltbaren und absolut frauenfeindlichen Zustände im damaligen Krankenhaus Salpêtrière in Paris, in dem 4.000 Frauen mit der Diagnose „Hysterie“ und Geisteskrankheit untergebracht waren mit einer medizinischen Behandlung, die aus heutiger Sicht nur als Barbarei bezeichnet werden kann. In diesem Krankenhaus war auch die zweite Hauptfigur des Buches Blanche untergebracht, die (fiktiv) später als Assistentin für Curie arbeitete. Sie war in ihren Arzt Professor Charcot verliebt.

Ein zweites Thema des Buches waren die gesundheitlichen Auswirkungen des Umgangs mit Radioaktivität, die damals erst entdeckt wurden und zu brutalen Leiden bis hin zu Amputationen führten, auch bei Blanche. Curies Affäre mit einem verheirateten Kollegen, Paul Langevin, war damals ein Riesenskandal und hätte sie fast den zweiten Nobelpreis gekostet.

Literaturkreis Holzgerlingen im März 2026 (Stadtbücherei)

Große Fragezeichen standen in den Gesichtern vieler Literaturkreis-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer, als sie zum März-Termin in die Stadtbibliothek kamen: Was war das für ein Buch, das sie lesen mussten? Es sollte um den schwedischen Autor Per Olav Elmquist und sein Werk aus dem Jahr 2004 gehen, in Deutsch schon ein Jahr später erschienen. Erst als dem Literaturkreis ein Mitglied mit medizinischem Hintergrund das Buch in all seinen Facetten erläutert hatte, fanden die meisten doch den Zugang zum Roman. In der Diskussion ergaben sich daraus die Fragen: Welche menschlichen und persönlichen Verluste muss man hinnehmen, um Erfolg zu haben? Wie weit darf man gehen, um seine Ideen umzusetzen? Was ist der Preis des Fortschritts – auch der Verlust der körperlichen Unversehrtheit? Welche Rolle spielt dabei die Liebe? Dies überzeugend aus dem Buch interpretiert zu haben, war das Verdienst des Vortragenden. Und so ergab sich trotz der anfänglichen Fragezeichen dann doch eine lange und engagierte Diskussion, und manche gingen später mit der Absicht nach Hause, das Buch doch noch einmal mit ganz neuen Augen zu lesen.

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