Literaturkreis Berichte 2022

Treffen Titel Autor
26.01.22 Herz auf Eis Isabelle Autissier
23.02.22 Apeirogon Colum Mc Cann
06.04.22 Der Gesang der Flusskrebse Delia Owens
11.05.22 Die Unschärfe der Welt Iris Wolff
11.05.22 Alte Sorten Ewald Arenz
29.06.22 Hast Du uns endlich gefunden Edgar Selge
20.07.22 Die souveräne Leserin Alan Bennett
21.09.22 Patria Fernando Aramburu


Herz auf Eis

Autorin Isabelle Autissier

224 Seiten, Goldmann Verlag

Louise und Ludovic sind jung und verliebt und haben alles, was sie brauchen. Aber ihr Pariser Leben langweilt sie, also nehmen die beiden ein Sabbatjahr und umsegeln die Welt. Während eines Kletterausflugs auf einer unbewohnten Insel vor Kap Hoorn werden sie von einem schweren Sturm überrascht. Als sie tags darauf auf ihre Jacht zurückkehren wollen, ist diese ver¬schwunden. Was als Ausbruch aus dem Großstadtalltag gedacht war, wird zum existentiellen Kampf gegen Hunger und Kälte. Sie sind auf sich allein gestellt und haben keine Möglichkeit, um Hilfe zu rufen. Ungewollt wird ihre Beziehung auf eine harte Probe gestellt. Denn was wird aus der Liebe, wenn es ums nackte Überleben geht?

Herz auf Eis

Literaturkreis Holzgerlingen 26. Januar 2022 (Zoom)

Am 26.01.22 freuten sich alle Lesebegeisterten des Literaturkreises Holzgerlingen auf das 1. Treffen (online) in diesem Jahr zum Austausch über den Roman „Herz auf Eis“.

Darin beschreibt die Autorin Isabelle Autissier, wie aus dem Abenteuer eines jungen Paares ein existentieller Kampf nicht nur ums Überleben, sondern auch um seine Menschlichkeit und seine Liebe wird. Die beiden extrem unterschiedlichen Protagonisten Louise und Ludovic – er eher draufgängerisch, sie als erfahrene Bergsteigerin vorsichtig – gönnen sich eine Auszeit und fahren mit ihrem Boot über die Weltmeere, um die unendliche Freiheit, die Urigkeit des Lebens auszukosten, weitab jeglicher Zivilisation, nur allein mit sich, ihrer Liebe und ihrer Abenteuerlust.

Das Blatt wendet sich schnell, als sie bei einem Ausflug auf einer unbewohnten Insel im Südatlantik stranden, in Sicht treibender Eisberge, weitab der üblichen Schifffahrtsrouten. Abgeschnitten von jeglicher Kommunikation beginnt nun eine Art „Robinson-Dasein“, in dessen Mittelpunkt die Autorin in unglaublich spannender Weise die Überlebensstrategien der Beiden auf der verlassenen Walfangstation schildert. Statt der erträumten Freiheit und der Flucht aus der Eintönigkeit und Abhängigkeit ihres Pariser Alltags geraten sie nun in ganz andere, neue Abhängigkeiten, die für uns in unserer gesicherten „Komfort-Zonen-Gesellschaft“ kaum auszumalen sind.

Abhängigkeiten vom Wetter, von der Kälte, vom Hunger, vom Fehlen jeglicher gewohnten Annehmlichkeiten, von der Tierpopulation auf der Insel, die zur Nahrungsbeschaffung dient. Die Stimmung schwankt zwischen Hoffnung, Verzweiflung, Schuldzuweisungen bis hin zum nackten Überlebenskampf. Zwischen den einstmals liebenden Partnern entwickelt sich ein psychologisches Drama, und es entstehen Fragen wie: Wer behält die Nerven, wer trifft die richtigen Entscheidungen, was wird aus der Liebe in Extremsituationen? Es ist schließlich Louise, die durchhält, die sich allein auf den Weg zur Forschungsstation macht, wo sie Lebensmittel vermutet, und die am Ende gerettet wird, während Ludovic sein Leben verliert.

Hier könnte das Buch zu Ende sein, aber es gibt einen 2. Teil im Roman, der davon erzählt, wie Louise nach ihrer Rettung brutal mit der medialen Welt konfrontiert wird.

Zurück in Frankreich wird sie zur Beute von Journalisten, die sie zur Heldin stilisieren und aus ihren Erlebnissen hohe Auflagen und viel Geld wittern…. Anfangs fügt sich Louise dem „Rummel“ und verkraftet das Ganze mehr oder weniger. Doch immer stärker belastet sie bei ihren Schilderungen, dass sie nicht die ganze Wahrheit preisgibt, dass sie nämlich ihren Partner im Stich gelassen, ihre Liebe verraten hat, als sie allein zur Forschungsstation aufbrach.

Louise kann mit ihrer Schuld nicht leben und vertraut sich schließlich ihren zwei Agenten an. Als sich diese über die Bedeutung der Offenlegung der Wahrheit auf die Medien streiten, zieht sie die Konsequenz, alles hinter sich zu lassen und einen Neuanfang in Schottland zu beginnen.

In gewohnt lebhafter Weise wurde bei unserem Treffen über die zwei Teile des Romans diskutiert. Einig waren sich die meisten darin, dass der 1. Teil äußerst packend erzählt wurde, während einige den 2. Teil dann eher als „platter“ oder eher „mäßig“ empfanden. Andere Stimmen argumentierten, dass sie im 2. Teil Louises Reaktion auf den „Vermarktungsrummel“ menschlich gut nachvollziehen konnten. Man könnte fast sagen, es handelt sich um einen Entwicklungsroman, in dessen Verlauf wir die Emanzipation und das Selbständig sein einer zunächst eher schüchternen Frau erleben.

Ein zentraler Punkt in unserer spannenden Diskussion berührte auch die Schuldfrage: Worin besteht Louises Schuld? Gibt es in Situationen, in denen es ums eigene Überleben geht, überhaupt eine Schuld? Erst als Louise sich eingesteht, dass nur die Offenbarung der Wahrheit sie entlastet, kann sie weiterleben.

Interessant zur Person der Autorin Isabelle Autissier (geb. 1956 in Paris) ist noch zu erwähnen, dass sie 1991 als erste Frau in einer Regatta die Welt umsegelte. Nach einem beinahe tödlichen Unglück im Südpazifik beendete sie 1999 ihre Karriere als Einhandseglerin. Außerdem ist sie seit 2009 Präsidentin des WWF – Frankreich

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Apeirogon

Autor Colum McCann

608 Seiten, Rowohlt Verlag


Unendlich viele Winkel

Rami Elhanan und Bassam Aramin sind zwei Männer. Rami braucht fünfzehn Minuten für die Fahrt auf die West Bank. Bassam braucht für dieselbe Strecke anderthalb Stunden. Ramis Nummernschild ist gelb, Bassams grün. Beide Männer sind Väter von Töchtern. Beide Töchter waren Zeichen erfüllter Liebe, bevor sie starben. Ramis Tochter wurde 1997 im Alter von dreizehn Jahren von einem palästinensischen Selbstmordbomber vor einem Jerusalemer Buchladen getötet. Bassams Tochter starb 2007 zehnjährig mit einer Zuckerkette in der Tasche vor ihrer Schule durch die Kugel eines israelischen Grenzpolizisten. Ramis und Bassams Leben ist vollkommen symmetrisch.

Ramis und Bassams Leben ist vollkommen asymmetrisch. Rami und Bassam sind dennoch Freunde.

Apeirogon

Literaturkreis Holzgerlingen 23. Februar 2022 (Zoom)

Ein Buch mit 1001 Kapiteln auf 600 Seiten – da hatte manch eine(r) der Lesebegeisterten im Holzgerlinger Literaturkreis seine Schwierigkeiten. Dabei bestand manches Kapitel nur aus vier Wörtern. Oder nur aus einem Foto. Damit forderte der irische Autor Colum McCann mit seinem siebten Roman „Apeirogon“, was so viel wie „unendlich viele Winkel“ bedeutet, den Kreis aber extrem heraus.

Es geht um den äußerst schwierigen Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis, der in den letzten 75 Jahren geschätzt 15.000 Opfer gefordert hat.

„Apeirogon“ schildert die Trauerverarbeitung der beiden Männer. „Beide durchlaufen“, so die Süddeutsche Zeitung, „jeweils dasselbe Fegefeuer der Emotionen: Fassungslosigkeit, Schmerz, Hass – und gelangen schließlich zur Erkenntnis, dass Hass mehr als den Gehassten den Hassenden selbst zerstört. Sie schließen sich einer Organisation an, die „Parents Circle“ heißt und deren Mitglieder Eltern sind, die in diesem ewigen Konflikt Kinder verloren haben, Israelis und Palästinenser.“ Dieser „Parents Circle“, der seit 1995 besteht, hat inzwischen 500 Mitglieder. Bassam und Rami wollen den „Irrsinn zwischen Palästina und Israel“ (Elke Heidenreich im SPIEGEL) beenden und fordern deshalb ein Ende der Besatzung und ein Ende der gegenseitigen Gewalt. Das Buch veranlasste den Literaturkreis zu einer intensiven Diskussion, und eine ganze Reihe von Mitgliedern konnte eigene Erfahrungen aus Israel-Reisen beisteuern. Es sei, so wurde resümiert, ein „Buch der Versöhnung“, das zugleich viel Interesse weckt an der Geschichte des Nahostkonfliktes und der ganzen Region.


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Der Gesang der Flusskrebse

Autorin Delia Owens

Gleich zu Beginn des Romans erfahren wir vom Tod von Chase Andrews, und schon bald vermuten die Bewohner der kleinen Stadt, dass Kya, das „Marschmädchen“, wohl Schuld daran sein könnte. Kya lebt seit sie 6 Jahre alt ist, isoliert in einer Hütte im Marschland mit seinen Salzwiesen und Sandbänken – allein – nachdem ihre Mutter (und auch die älteren Geschwister) die Familie wegen des gewalttätigen Vaters verlassen hat. Dieser wird Kya dann auch bald im Stich lassen.

Von da an wird das Sumpfgebiet zu Kyas „Mutter“, die Natur wird zu ihrer Quelle der Kraft und Geborgenheit, und sie lernt, mit ihrer Angst und Einsamkeit umzugehen. Sie kennt jeden Stein und Seevogel, jede Muschel, jede Pflanze. Sie ist abenteuerlustig, intelligent, mutig , stark – gleichzeitig scheu, zart und verletzlich.

Der Leser merkt sofort, dass die Autorin selbst im Einklang mit der Natur aufgewachsen ist. Ihr Erzählstil ist von berückend schönen Vergleichen und authentisch eindringlichen Beschreibungen aus der Natur geprägt. Stimmungsvoll beschreibt sie das Marschland mit seinen Pflanzen, Tieren und Wasservögeln: Dort, „wo die Flusskrebse singen“, ist die Natur noch ursprünglich! …. Mit Kya entdecken wir die biologischen Beweggründe der Beziehungen von Lebewesen untereinander.

Als zwei junge Männer auf das wilde, schöne Marschmädchen aufmerksam werden, öffnet sich Kya einem neuen Leben – mit dramatischen Folgen…

Immer wieder erfährt Kya Enttäuschung durch Ablehnung aus der Gesellschaft, und die „Natur schien der einzige Stein zu sein, der ihr nicht mitten im Fluss unter den Füßen wegglitt“ …. „ich weiß, dass Menschen nicht bleiben“ …

Der Roman nimmt schließlich im 2. Teil eine radikale Wende, als gegen Kya ein Gerichtsverfahren eingeleitet wird, weil einige Indizien für ihre Beteiligung am Tod des Chase Andrews sprechen.

Literaturkreis Holzgerlingen 6. April 2022 (im buch plus)

Am 6.4.22 trafen sich 10 Lesebegeisterte des Literaturkreises – dank der Gastfreundschaft von Frau Bieber-Rodewald – diesmal live im „buch plus“!

Alle genossen die schöne Atmosphäre inmitten von Büchern, und dies forderte geradezu zu intensiven Diskussionen heraus.

Besprochen wurde das Romandebüt „Der Gesang der Flusskrebse“ von Delia Owens, 73 Jahre alt, geboren in Georgia, USA. Die Zoologin und Afrika-Kennerin hat selbst 7 Jahre die unberührte Wildnis studiert und lebt heute mit ihrem Mann, einem Biologen, auf einer Ranch in Idaho.

Es sind u.a. diese ausführlich geschilderten Gerichtsverhandlungen, die einige aus dem Lesekreis als überflüssig, sprachlich auch schwach, zäh und als erzählerische Brüche empfanden.

Wenngleich unter uns auch die Vermutung vorlag, dass die Autorin möglicherweise die Spießigkeit jener Zeit aufzeigen wollte, kommen doch Themen wie Vorurteile, Ausgrenzung und Rassismus in den Verhandlungen zur Sprache.

Schließlich fragten wir uns, was den Roman so erfolgreich, packend und faszinierend macht. Vielleicht, wie Delia Owens es selbst zusammenfasst:
„Es ist ein Krimi, eine Liebesgeschichte, ein Gerichtsdrama – aber es geht vor allem um Eigenständigkeit, ums Überleben und darum, wie Isolation unser Leben beeinflusst…. Wir sind alle soziale Säugetiere…. und wollen dazugehören!“

Beim nächsten Treffen im Mai wird der Literaturkreis „Alte Sorten“ von Ewald Arenz und „Die Unschärfe der Welt“ von Iris Wolff diskutieren.

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Die Unschärfe der Welt

Autorin Iris Wolff

Iris Wolff (geboren in Hermannstadt/Siebenbürgen 1977) wanderte 1985 mit ihrer Familie nach Deutschland aus und lebt heute in Freiburg. In ihrem 2020 erschienenen, preisgekrönten Roman verarbeitet sie den Verlust ihrer Heimat wie auch ihre Erfahrungen in der rumänischen Diktatur unter Ceausescu. Sie verbindet die Lebenswege von sieben Menschen, die alle eine Migrationsgeschichte haben und deshalb nicht nur an einem Ort zuhause sind. „Nicht nur meine Familie, eine Viertelmillion Menschen aus Siebenbürgen und dem Banat haben ihre Heimat verloren“, sagte die Autorin in einem Interview. Aber: „Heimat ist kein Ort, aus dem man vertrieben werden kann, sondern ein innerer Ort, den zu finden man die Freiheit hat“. Die Gewalt- und Diktaturgeschichte des 20. Jahrhunderts habe Spuren in den Lebensläufen der Menschen hinterlassen, und die Figuren ihres Buches müssten immer wieder hinterfragen, „was wichtig ist und wer sie sind“.

Die Unschärfe der Welt

Literaturkreis Holzgerlingen 11. Mai 2022 (im buch plus)

Am 11. Mai traf sich der Literaturkreis Holzgerlingen erneut im BuchPlus, um – wieder mit ungewöhnlich großem Engagement – zwei Bücher zu diskutieren: „Die Unschärfe der Welt“ von Iris Wolff und „Alte Sorten“ von Ewald Arenz.

In der Diskussion des Literaturkreises wurden die sehr poetische, lyrische, liebevolle und bildreiche Sprache des Buches hervorgehoben und die einfühlsamen Charakterisierungen der Hauptfiguren gelobt. Es werde immer wieder deutlich, wie sich jeder auf seine Weise mit der Unschärfe der Welt auseinandersetze. Dass das Leben der Hauptfigur Samuel ausschließlich aus den Perspektiven der anderen Romanfiguren erzählt wird, empfanden alle als einen besonders gelungenen Ansatz der Autorin.

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Alte Sorten

Autor Ewald Arenz

In „Alte Sorten“ erzählt Ewald Arenz (geb. in Nürnberg 1965, Lehrer am Gymnasium) von der außergewöhnlichen Frauenfreundschaft zwischen Sally und Lizz.

Sally, aus gutbürgerlichem Haus, kurz vor dem Abitur, rebelliert wütend und aggressiv gegen alles und jeden: Gebote, Vorschriften, Regeln, Eltern, Erwachsene. Weil alle sie kontrollieren wollen, kontrolliert sie sich selbst, indem sie magersüchtig wird und sich ritzt. Sie rennt um ihr Leben. In dieser Not trifft sie auf eine verschlossen wirkende Frau um die 50, die seit Jahren allein einen alten Hof bewirtschaftet und Sallys Hilfe gut gebrauchen kann. Lizz nimmt Sally, wie sie ist, nimmt sie ernst, aber nicht in Besitz, lässt sie in Ruhe, zeigt aber doch Zuneigung und ist ihr nicht gleichgültig. Aus einer Übernachtung auf dem Hof werden Wochen. Während sie gemeinsam Bäume auszeichnen – Sally lernt „alte Sorten“ von Birnen kennen, Kartoffeln ernten, Schnaps brennen, Wein lesen -, kommen sich die beiden Frauen näher und erfahren gegenseitig von den Verletzungen und dem Leid, das ihnen durch festgefahrene, gesellschaftliche Strukturen und Erwartungen zugefügt wurde.

Die Zufriedenheit, die sich bei Sally nach körperlicher Arbeit auf dem Hof einstellt, die Erfahrung, mit den eigenen Händen etwas gestalten zu können, ist neu für sie und trägt dazu bei, einen inneren Heilungsprozess bei ihr anzuregen.

So unterschiedlich die beiden Frauen sind, entdecken sie doch immer mehr Gemeinsamkeiten, durch die sie Verständnis füreinander entwickeln. Lizz‘ Geheimnis wird erst spät im Roman gelüftet – sie ist nicht glücklich und will eigentlich nicht weiter machen… Da begreift sie: So wie sie für Sally da war, ist diese jetzt für sie da. Freundschaft ist nicht abhängig vom Alter. Am Ende hat man das Gefühl: Die beiden Frauen gegen den Rest der Welt! Wir sehen Lizz als 30 Jahre älteren Spiegel von Sally, die das Mädchen dazu ermutigen will, einen anderen Weg zu gehen, als den, den sie selbst als junge Frau gehen musste.

Und Sally schafft es, Lizz eine neue Tür zu öffnen, um sie wieder ins Leben zu bringen.

Alte Sorten

Literaturkreis Holzgerlingen 11. Mai 2022 (im buch plus)

Während in der Diskussion des Literaturkreises alle begeistert von der poetischen Sprache im Buch von Iris Wolff waren, reagierten einige mit gemischten Gefühlen auf die Sprache des Mädchens Sally. Sie empfanden ihre Ausdrucksweise z.T. als krass, aggressiv, ja, teilweise unnötig ordinär. Dazwischen ist aber Arenz‘ Erzählstil kraftvoll, leise und berührend und vermittelt anschaulich die verschiedenen Gerüche und Geräusche der Natur in den wechselnden Jahreszeiten.

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Hast Du uns endlich gefunden

Autor Edgar Selge

Es ist eine Familiengeschichte einer sehr deutschen, musisch geprägten, bildungsbürgerlichen protestantischen Familie im Jahr 1960 mit starken Begriffen von Moral und Erziehung. Die Hauptfigur des Romans ist Edgar Selge selbst. Selge hat in einem Interview gesagt, sein Buch sei zwar zum Teil autobiografisch, mehr jedoch Fiktion, und die sei notwendig, „um überhaupt zur Wahrheit vorzustoßen“. Wir erleben ihn aus der Perspektive eines 12-jährigen Kindes, das die sehr vom NS-Regime geprägten Eltern beobachtet, deren Weltbild durch den Zusammenbruch im Frühjahr 1945 zerrüttet wurde. Die aus Königsberg geflohenen Eltern fassten in Westfalen neu Fuß, der Vater als Gefängnisdirektor in Herford. Seine musische Ader (er spielte Klavier) lebte er auf mehrfache Art aus: für die Gefängnisinsassen, aber auch im kulturbeflissenen Bildungsbürgertum der Stadt.

Der 12-jährige Edgar erlebt dieses eher spießige, noch im NS-Denken verharrende und antisemitische Elternhaus mit sehr gemischten Gefühlen. Dass der Vater ihn immer wieder prügelt, verdrängt er, lernt nach und nach, Widersprüche auszuhalten. Wie sehr die Eltern ihre eigene Vergangenheit verdrängen, erkennt er erst sehr viel später. Ihre rückwärts bezogenen Einstellungen bezeichnet er in seinem Buch als „totale Geistesfinsternis“, die er aber als Jugendlicher noch nicht erkennen konnte.

Literaturkreis Holzgerlingen 29. Juni 2022 (Treffen in der Stadtbücherei)

Bei seinem Treffen im Juni diskutierte der Literaturkreis Holzgerlingen das 2021 erschienene Erfolgsbuch von Edgar Selge „Hast Du uns endlich gefunden“.

Der Literaturkreis lobte den sehr flüssigen und eindrucksvollen Erzählstil, geprägt von „grausam-zärtlicher Komik und Humor“, und diskutierte die vielen Facetten des Buches mit großem Engagement. Manch eine(r) sah auch Parallelen zur eigenen Jugend und zum eigenen Elternhaus.

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Die souveräne Leserin

Autor Alan Bennett

„Die souveräne Leserin“ ist eine fiktive Parodie auf die britische Monarchie und einen verkrusteten Hofstaat. Der Autor Alan Bennet unterstellt, die britische Queen habe bis kurz vor ihrem 80. Geburtstag keine Bücher gelesen, sie sei erst dann durch den Küchenjungen Norman auf den Bibliotheksbus aufmerksam geworden, der regelmäßig vor dem Dienstbotenflügel hält. Sie besucht den Bus neugierig und leiht sich erstmalig ein Buch aus. Damit beginnt eine Leidenschaft, mit der die Queen in ihrem Alter nicht gerechnet hat. Sie gerät durch das Lesen ins Nachdenken über sich selbst als Person und Amtsträgerin, zweifelt an der Sinnhaftigkeit ihrer entrückten Position und verliert ihr Interesse an höfischen Pflichten. Ihre Begeisterung wird zur Besessenheit, sie liest bei jeder Gelegenheit und hat den Eindruck, etwas in ihrem Leben versäumt zu haben. Als sie anfängt, sich auch Notizen zu machen, fürchtet der Hofstaat, dass sie an Alzheimer leidet und deshalb auf schriftliche Gedankenstützen angewiesen sei. Sie denkt aber ernsthaft darüber nach, selbst mit dem Schreiben zu beginnen.

Das köstliche, mit literarischer Bildung, Selbstironie und Geschichtsbewusstsein geschriebene Buch endet an ihrem 80. Geburtstag mit einer unerwarteten Wendung.

Literaturkreis Holzgerlingen 20. Juli 2022 (Generationenhaus Holzgerlingen)

Am 20. Juli traf sich der Literaturkreis noch einmal vor der Sommerpause, diesmal eingeladen in das Generationenhaus von einer dort wohnenden Lesebegeisterten des Kreises. Sie stellte zunächst das Generationenhaus kurz vor, von der Idee bis zur Verwirklichung mit heute 31 Wohnungen, ein funktionierendes Null-Energiehaus mit großer Vorbildfunktion.

Diskutiert wurde ein äußerst vergnügliches Buch des Engländers Alan Bennett (Jahrgang 1934): „Die souveräne Leserin“.
Der Literaturkreis war einhellig der Meinung, dass nur ein Engländer ein solches Buch schreiben könne: charmant, klug, leicht, eine wunderbare Persiflage auf den Hofstaat und die britische Regierung und zugleich eine Hymne auf das Lesen und die „subversive Kraft der Literatur“. Eine Teilnehmerin zitierte die Queen: „Ein Buch ist ein Sprengsatz, um die Phantasie freizusetzen.“

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Patria

Autor Fernando Aramburu

Fernando Aramburu, 1959 in San Sebastián geboren, lebt seit Mitte der achtziger Jahre in Deutschland. Sein Roman „Patria“, erschienen 2016, führte über ein Jahr lang die spanischen Bestsellerlisten an. Dem Autor gelingt es mittels literarischer Fiktion, die Sinnlosigkeit der Gräueltaten der ETA (Euskadi Ta Askatasuna/“Baskenland zur Freiheit“) ab den ersten Morden in den 60er Jahren bis hin zur Selbstauflösung im Mai 2018 zu beschreiben. Die Hauptfiguren, die Ehepaare Txato und Bittori sowie Joxian und Miren, heiraten gemeinsam 1963. Eine enge Freundschaft verbindet sie schon über Jahre. Zerrissen wird dieses Band durch den ETA-Mord an Txato. Verdächtigt wird Joxe Mari, der Sohn von Joxian und Miren, der sich schon früh der ETA angeschlossen hat. Aramburu webt um seine Hauptpersonen und deren Kinder ein Szenario, das die Folgen des politischen, gewalttätigen Wirkens der ETA in einem kleinen baskischen Dorf beschreibt: Beziehungen zerfallen, Misstrauen, Denunziantentum und Gewalt beherrschen von nun an den Alltag der Bewohner.

Dies hat u.a. zur Folge, dass der ermordete Txato nicht in seinem Heimatort begraben werden kann und Bittori ihr Haus verlassen und nach San Sebastian umziehen muss. Erst nach vielen Jahren, schwer erkrankt, kehrt sie heimlich zurück in ihr Dorf. In ihrem Haus sucht sie ihren inneren Frieden. Sie nimmt schriftlichen Kontakt zu Joxe Mari auf, der nach seiner Festnahme schon 17 Jahre im Gefängnis verbracht hat. Er bestreitet Txato ermordet zu haben. Erst im Alter von dreiundvierzig Jahren entsagt er in seiner Zelle der ETA und bittet Bittori um Verzeihung. Er stellt sich schließlich die Frage nach dem Sinn seines Kampfes (S.736): „Und welche Wahrheit war das? …Nach all dem Blut, kein Sozialismus, keine Unabhängigkeit, gar nichts.“ Und Aramburu schreibt: “Er war zu der tiefen Überzeugung gelangt, Opfer eines Betrugs geworden zu sein.“

Die letzten Sätze des Buches enden mit der Andeutung einer möglichen Versöhnung zwischen Miren und Bittori. Sie begegnen sich, umarmen sich, schauen sich an und gehen ohne ein Wort auseinander……

Literaturkreis Holzgerlingen 21. September 2022 (im buch plus)

Das Treffen des Literaturkreises  wird von der Teilmobilmachung in Russland und den Drohungen Putins überschattet. So findet dieses Mal eine sehr zurückhaltende Besprechung des Romans „Patria“ statt. Zu sehr kreisen die Themen des Buches um Gewalt und Terror.

Ein Roman mit viel Diskussionsstoff, ein Buch über die Sinnlosigkeit von Gewalt und Terror, „im Namen eines Vaterlandes, in dem eine Handvoll Bewaffnete mit der schändlichen Hilfe eines Teils der Gesellschaft entscheidet, wer zu diesem Vaterland gehört und wer es zu verlassen oder zu verschwinden hat“. Menschlich, einfühlsam und am Ende versöhnlich, in einer sehr flüssigen Sprache verfasst – darüber sind sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer einig.


Das nächste Treffen des Literaturkreises findet am Mittwoch, den 9.11. um 19 Uhr in der Stadtbücherei statt. Besprochen wird der Roman „Menschenkind“ von Toni Morrison.

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